Forschungsprojekte von Mitgliedern der Akademie

1. Münchner Bindungs- und Traumorientierte Psychoanalysestudie

(Professor Dr. Wolfgang Mertens)

  • analytische Psychotherapien von 20 Patienten (vier bis fünf Meßzeitpunkte nach jeweils ca. 80 Stunden); Katamnese nach zwei Jahren
  • große Anzahl von qualitativen Meßinstrumenten mit unterschiedlichen Schwerpunkten (z.B. OPD, HUSS, AAI, AAP, Plananalyse, PQS etc.)
  • Einsatz aller Methoden zu jedem MZP und deren Kreuzvalidierung
  • Bindungsorientierte Experimental- und traumorientierte Kontrollgruppe der Therapeuten
  • Gefördert von der Lotte Köhler-Stiftung

Thema der Dissertation von Dipl.-Psych. Katrin Dorber,
gefördert von der Steger-Hain-Stiftung:

Psychoanalytische (Einzelfall-) Psychotherapieprozeßforschung mit den Methoden der Plananalyse und des Psychotherapie-Prozeß Q-Sort "Control Mastery Theory" und die Methode der Plananalyse von Weiss & Sampson

Control Mastery Theory:

  • kognitiv-affektive Theorie auf Grundlage der späten Ich-Psychologie Freuds
  • Annahme eines zugrundeliegenden unbewußten Behandlungsplanes des Patienten, den der Therapeut erfassen und nach dem er sich richten soll
  • Blockade der Ressourcen und Lebensmöglichkeiten entsteht durch pathogene Überzeugungen, die durch ein traumatisierendes Beziehungserleben mit primären Bindungspersonen in der frühen Kindheit entstanden sind

Plananalyse:

1. Planformulierung - anhand der Erstgespräche werden fünf Kategorien erfaßt:

  • Pathogene Überzeugungen: durch traumatisierende Erfahrungen entwickelte maladaptive Erwartungen in der bzw. an die Objektbeziehung
  • Antizipierte Tests: Einsatz pathogener Überzeugungen in der therapeutischen Dyade mit der Erwartung, daß diese durch den Therapeuten korrigiert bzw. widerlegt werden (Übertragungs- und Rollenumkehrtests, vereinfachte Retests)
  • Bewußte/unbewußte Ziele und Pläne des Patienten, an deren Verwirklichung ihn seine pathogenen Überzeugungen bisher gehindert haben
  • Traumata, die die Entwicklung und Aufrechterhaltung pathogener Überzeugungen bedingen
  • Hilfreiche Einsichten: kognitive Therapieziele, die dem Patienten bei der Widerlegung seiner pathogenen Überzeugungen helfen könnten

2. Plananalyse – anhand der folgenden Meßzeitpunkte:

Therapeutisches Geschehen wird durch Analyse der Deutungsarbeit (pro- oder antiplan-orientiert) und der Reaktionen (progressiv/ regressiv) bzw. Aktionen (Tests) des Patienten mikroanalytisch beleuchtet Einschätzung und Analyse des (vorläufigen) Ergebnisses der Therapie durch Erkenntnisse der Plananalyse

Interaktionsstruktur-Theorie und "Psychotherapie-Prozeß Q-Sort" (PQS) von E. Jones
Interaktionsstruktur-Theorie:

  • Therapeutische Dyade ist von relativ stabilen und damit schwer zu verändernden Beziehungsmustern geprägt
  • Asymmetrischer und reziproker Einfluß von Persönlichkeit des Patienten, des Therapeuten und deren dyadespezifischen Interaktionsstrukturen auf den Psychotherapieprozeß
  • Sich ergänzende Wirkmechanismen von Beziehung und Einsicht durch gemeinsame Entwicklung Psychotherapie-Prozeß Q-Sort:
  • Q-Sort-Verfahren für vergleichende Psychotherapieprozeßforschung
  • Neun Kategorien, auf die 100 Items in Form einer Normalverteilungskurve verteilt werden (5-8-12-16-18-16-12-8-5)
  • Kategorie 1 = extrem uncharakteristisch; Kategorie 5 = neutral (im Sinne von "belanglos"); Kategorie 9 = extrem charakteristisch
  • Items beziehen sich in etwa zu gleichen Teilen auf Verhalten des Patienten, Arbeit des Therapeuten und die therapeutische Beziehung
  • Analyse der beiden unteren bzw. oberen Extremkategorien (1 und 2 sowie 8 und 9) und der registrierten Verschiebungen
  • Ergänzung der Methode durch die Analyse extrem beweglicher und schwankungsresistenter Items unter spezieller Berücksichtigung der für kognitiv-behaviorale bzw. psychodynamische Therapien prototypischen Items

Anhand des transkribierten Stundenmaterials makro- und mikroanalytische Untersuchung des Psychotherapieprozesses mit dem Ziel, dessen Verlauf mit strukturellen Veränderungen beim Patienten und in der therapeutischen Beziehung in Zusammenhang zu bringen


2. Das Projekt Kriegskindheit an der Universität München

Prof. M. Ermann und Mitarbeiter/innen

Das Projekt wurde 2003 begründet. Es steht unter dem Thema "Europäische Kriegskindheiten im 2. Weltkrieg und ihre Folgen und soll empirische Beiträge zur Bedeutung der Kindheit im Zweiten Weltkrieg und – in Deutschland - unter dem Nationalsozialismus für die persönliche Entwicklung der Betroffenen erbringen. Im Zentrum stehen Interviews, in denen die Repräsentanz der Kriegskindheit nach 60 Jahren erkundet werden. Die erste Untersuchungsphase umfasst Studien in Deutschland sowie eine Vergleichsstudie zwischen Japan und Deutschland bei "Kriegskindern der ersten Generation" (Basisstudie). Eine Ausweitung auf weitere europäische Länder ist in Vorbereitung. Eine Projektphase "Kinder der Kriegskinder (zweite Generation)" ist in Vorbereitung.

In einer Literaturstudie (Vorstudie 1) wurde eine systematische Literaturrecherche zur Thematik der "Kriegskindheit" in der psychologischen und psychotherapeutischen Fachliteratur durchgeführt. Das Ergebnis zeigt, dass es nur eine geringe Zahl von wissenschaftlichen Arbeiten gibt, die – jenseits der Folgen des Holocaust – psycho-therapeutische Aspekte der Kindheit im II. Weltkrieg und der NS-Zeit behandeln. Es sind zwar sporadisch immer wieder einzelne Arbeiten erschienen, diese fanden aber keine nachhaltige Resonanz. Die Thematik kann daher weitgehend als Neuland betrachtet werden. (Cisneros 2004)

Bei einer "Berichtsstudie" (Vorstudie 2) wurden 150 einschlägige Psychotherapieberichte aus dem Gutachtenverfahren zur Kostenübernahme psychotherapeutischer Behandlungen ausgewertet. Dabei wurden im Sinne der qualitativen Sozialforschung Kategorien entwickelt und evaluiert, die es ermöglichen, spezifische Einflussfaktoren der Kriegs- und NS-Zeit auf die individuelle Entwicklung ausfindig zu machen, die von den Bericht erstellenden Psychotherapeuten als bedeutsam für die Entwicklung bzw. Behandlung der Patienten betrachtet werden. Insgesamt zeigte sich, dass die Thematik der "Kriegskindheit" bei der Darstellung der Biographie einem beträchtlichen Teil der Patienten von den Psychotherapeuten erwähnt wurde, dass diese Erwähnungen aber kaum in die psychodynamische Beurteilung und die Behandlungsplanung Eingang fanden und auch in den Berichten über die Behandlungsinhalte kaum wieder auftauchten. (Katz 2004, Hughes 2005)

Drei Fragebogenuntersuchungen befinden sich in Arbeit: Die Untersuchung zum Beeinträchtigungserleben befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen der Anzahl von Bereichen (z.B. Flucht, Bombardierung, Hunger usw.). in denen kriegsbedingte Traumatisierungen und Belastungen zu verarbeiten waren, und subjektiv erlebter Belastung und Unterstützung (Alegiani Sagnotti). Die Untersuchung zur Adultisierung betrachtet den Zusammenhang zwischen kriegskindheitsbedingten Belastungen und familiären transgenerationalen Prozessen, in welchen die Betroffenen "früh erwachsen wurden", eine allgemeinere Form des sonst als Parentifizierung beschriebenen Phänomens (Memmert). Die Stralsund-Studie in Ostdeutschland fand bei Kriegskindern nach 60 Jahren eine deutlich höhere Belastung mit posttraumatischen Beeinträchtigungen als bei einer Vergleichsgruppe in Ostdeutschland (Kuwert, Trädler u.a. 2006).

Die Auswertungen der Interviews zur Kriegskindheit bei Angehörigen der Jahrgänge 1933 – 45 enthalten eine Fülle von Material, zu dem gegenwärtig die folgenden Studien in Arbeit sind: Verarbeitung der Kriegskindheit in Japan und Deutschland (Gfeller-Matsunaga), Schuld- und Schamgefühle in der Verarbeitung der Kriegskindheit (Heitmann), Kriegskindheit und psychoanalytische Sozialisation (Kamm), die Erfassung der Verarbeitungsstabilität belastender Erfahrungen in der Kriegskindheit (Müller), die Sozialisation in Ost und West und die Repräsentanz der Kriegskindheit heute (Spitzer) sowie die psychosomatisache Gesundheit nach 60 Jahren (Bauer).

Eine weitere Projektphase, in der die transgenerationalen Aspekte in der Generation der Kinder der Kriegskinder ("Kriegsenkeln") untersucht wird, befindet sich in der Vorbereitungsphase. Die Studien beginnen im Herbst 2006 (Roeckl)
Das Projekt umfasst Arbeitsgruppen an drei Orten und arbeitet in enger Kooperation mit Forschungsstellen in Großbritannien und Japan. Es wird von einem internationalen Beirat begleitet. Der größere Teil des Projektes wird bisher aus Eigenmitteln und Spenden finanziert. Die Ost-West-Studie wird aus Mitteln der Köhler-Stiftung unterstützt. Weitere Finanzierungsanträge sind in Vorbereitung.


3. Münchener Kriegskindheitsprojekt (Leitung: Prof. M. Ermann)

Teilstudie: Kriegskindheits-Verarbeitungsstabilität
Repräsentanz der Kriegskindheit bei deutschen Kriegskindern des zweiten Weltkrieges nach 60 Jahren (Ch. Müller)

Die Studie ist Teil des Münchener Kriegskindheitsprojektes, das sich mit der psychischen Repräsentanz der Kriegskindheit während des Zweiten Weltkrieges in der Bevölkerung verschiedener europäischer Länder nach 60 Jahren befasst. Die Studie soll empirische Beiträge zur Bedeutung der Kriegskindheit für die persönliche Entwicklung der Betroffenen erbringen. Auf der Basis einer breitgestreuten Fragebogenuntersuchung (Stand Dez. 2005: ca. 600 eingegangene Fragebögen) werden dazu 100 Personen, die zwischen 1933 und 1946 im Machtbereich des damaligen deutschen Reiches geboren wurden, untersucht.

Gegenstand der Untersuchung sind die gegenwärtigen Repräsentanzen von kriegsbedingten Erfahrungen, subjektive Einstellungen, Einschätzungen und Bewertungen. Erfasst werden soll der Einfluss der Kriegskindheit auf die innerpsychische Verarbeitung unter dem Einfluss von internen Bewältigungsprozessen und externen Faktoren. Diese werden in einem Fragebogen und einem für diesen Zweck konzipierten semistrukturierten Basisinterview zur Kriegskindheit erfasst. Für das Basisinterview wurde einen Auswahl von 100 Personen nach festgelegten äußeren Kriterien (Einschlusskriterien: Erleiden von kriegsbedingten Ereignissen) getroffen. Die Auswertung, erfolgt nach Methoden der qualitativen Forschung u.a. in Form einer Diskursanalyse in Anlehnung an die kategoriale Methodik des AAI (Adult Attachement Interview).

Ansatz, Fragestellung und Zielsetzung der Identitätsstudie
Gegenstand der Untersuchung ist die Verarbeitung von Kriegskindheits-Erfahrungen im Sinne einer innerpsychischen Verarbeitungsstabilität und ihrer Repräsentanz nach 60 Jahren. Verarbeitungsstabilität wird dabei als Ausmaß der Integration stark belastender Erfahrungen in der Kriegskindheit verstanden. Die Untersuchung beruht auf der Annahme, dass Kriegskindheits-Erlebnisse prägend in die Entwicklung eingreifen und - abhängig vom Ausmaß erlebter Traumatisierungen und protektiver Faktoren - dauerhaft seelische Folgen hinterlassen können. Diese können sich in einer Unsicherheit der Verarbeitung der Erfahrungen niederschlagen und auch noch 60 Jahre später als unsichere Kriegskindheits-Identität nachweisbar sein.

Die Untersuchungen befinden sich in der Erhebungsphase.


4. Präventive Intervention in einem Industriebetrieb zur Vermeidung mittel- bis langfristiger Gesundheitsschäden

(Harald Gündel1, Peter Angerer2, Urs Nater3, Birgitt Marten-Mittag1, Kurt Ulm4, Dennis Nowak2 )

  1. Institut und Poliklinik für Psychosomatische Medizin, Psychotherapie und Medizinische Psychologie der TU München, Klinikum rechts der Isar
  2. Institut und Poliklinik für Arbeits- und Umweltmedizin, Klinikum der Universität München - Innenstadt
  3. Psychologisches Institut, Klinische Psychologie & Psychotherapie, Universität Zürich
  4. Institut für Medizinische Statistik und Epidemiologie, Klinikum rechts der Isar, TU München
  5. MAN Nutzfahrzeuge AG, Personal- und Organisationsentwicklung

Zusammenfassung

Innerhalb sich ständig verändernder wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen haben sich Rationalisierungstendenzen, kurze Produktionszyklen und allgemeiner Leistungs- und Zeitdruck innerhalb der letzten Jahre in vielen Betrieben wesentlich erhöht. Dadurch kommt es zu einer zunehmenden gesundheitlichen, körperlichen wie seelischen Belastung der einzelnen Arbeitnehmer. Diese kann im Laufe der Jahre zu vermehrter Unzufriedenheit am Arbeitsplatz, erhöhten Arbeitsunfähigkeitszeiten und auch vermehrter vorzeitiger Berentung führen. Epidemiologische Kohortenstudien in der Normalbevölkerung weisen auf einen Zusammenhang zwischen chronifiziertem Stress am Arbeitsplatz ("job strain") und sowohl sog. "funktionellen" als auch organischen, besonders kardiovaskulären Erkrankungen hin. Zudem ist im Laufe der vergangenen Jahrzehnte der Anteil der Erwerbstätigen unter den 55- bis 64-jährigen in Deutschland auf zuletzt 38,4% (Stand 2002) gesunken.

In der beantragten Studie sollen ca. 180 in Personal- und Organisationsverantwortung stehende Führungskräfte des Werkes MAN Karlsfeld (Meister, Bereichs- und Segmentleiter) randomisiert entweder

1) einer individualisierten, initial zweitägigen Präventionsmaßnahme zum Zeitpunkt T1 mit und ohne randomisiert zugeteilter Auffrisch-Intervention zum Zeitpunkt T2 (6 Monate später) oder einer Warte-Kontrollgruppe (Präventionsmaßnahme erst 1 Jahr nach T1 = T3) zugeteilt werden. Zunächst wird zum ersten Befragungszeitpunkt (T1) die aktuelle arbeitsplatzspezifische, aber auch darüberhinausgehende individuelle Stressbelastung analysiert. Die gleichzeitig beginnende verhaltenspräventive Intervention besteht aus einem zielgruppenspezifisch modifizierten, endokrinologisch validierten Streßbewältigungstraining mit individualisierter Zielvereinbarung gesundheitspräventiver Maßnahmen und konsekutivem, alle drei Monate erfolgendem Feedback durch die Teilnehmer der Interventionsgruppe. Der Effekt dieser Präventivmaßnahme wird psychometrisch sowie biologisch (Cortisol, alpha-Amylase, Herzratenvariabilität) zum Zeitpunkt T2 (6 Monate nach T1) sowie T3 (+12 Monate) und T4 (+24 Mo) bestimmt. Als Studienhypothese wird geprüft, ob die gestufte präventive Intervention in der Lage ist, subjektive und objektive individuelle Stressparameter signifikant zu beeinflussen. Im Falle einer Bestätigung dieser Hypothese im Rahmen unserer Studie hätten die Ergebnisse weitreichende sozialpolitische Bedeutung und könnten in verschiedensten Wirtschaftbereichen implementiert werden. In einem zweiten Ausschreibungzeitraum könnten ggf. auch zusätzlich eingeführte verhältnispräventive Massnahmen evaluiert werden.


5. Die Münchner Psychotherapie-Studie (MPS)

Leitung: PD Dr.phil. Dr.med. Dorothea Huber und Dr. med. Günther Klug

Die MPS ist eine Therapievergleichsstudie der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der TU München, die mit einem praxisnahen und gleichzeitig experimentellen Design die differenziellen Prozesse und Effekte von Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie und Verhaltenstherapie an einer möglichst homogenen Stichprobe von insgesamt 105 depressiven Patienten untersucht. Die Behandlungen werden von niedergelassenen, erfahrenen Therapeuten mit abgeschlossener Ausbildung und langjähriger Berufserfahrung (vorwiegend Therapeuten der Akademie) durchgeführt. Die auf den Ergebnis-Teil bezogene Untersuchungsmethodik umfasst quantitative und qualitative Methoden; ein Schwerpunkt der Studie soll die Erfassung der spezifischen, von der Psychoanalyse postulierten Veränderungen (strukturelle Veränderung) sein. Erste Ergebnisse weisen auf sehr hohe Effektstärken für die psychoanalytischen Langzeittherapien, und zwar auf der symptomatischen und der interpersonellen Ebene sowie vor allem auch im Hinblick auf strukturelle Veränderung. Die katamnestische Nachbefragung wurde erweitert auf 1, 2, 3 Jahre nach der Therapie. Dieser Teil der Studie wird von der Steeger Stiftung unterstützt. (Leitung: PD Dr.phil.Dr.med. Dorothea Huber und Dr. med. Günther Klug). Als Mitglieder der Akademie nehmen daran teil: Dipl.-Psych. Lotta Brüning-Bernet, Dr. med. Jochen Breit, Dr. med. Traute Dattenberg-Holper, Dr. med. M.A. Andreas Herrmann, Prof. Dr. med. Wolfgang Kemmler, Dr. med. Monika Rauch, Dipl.-Psych. Brigitte Tarrach-Mankau, Dr. Wilhelm-Detlev Schmidt, Dr. med. Corinna Wernz.


6. Studie zur psychotherapeutischen Haltung

(Leitung Dr. med. Günther Klug und PD Dr.phil. Dr. med.Dorothea Huber)

Der Fragebogen zur Therapeutischen Haltung (ThAt), früher Fragebogen zur Therapeutischen Identität (ThId), ist ein Instrument zur Erfassung von Ausbildung, Erfahrung, Schulenzugehörigkeit und bewusster therapeutischer Haltung, entwickelt von Sandell und Mitarbeitern und von Klug, Huber und Kächele ins Deutsche übersetzt.

Mit dem ThAt soll die Fragestellung:
Unterscheiden sich Therapeuten mit dem Zusatztitel "Psychotherapie" (="Psychotherapeut") von Therapeuten mit dem Zusatztitel "Psychoanalyse" (="Psychoanalytiker")?
auf einer bewusstseinsnahen Ebene erforscht werden.

Untersucht wurde eine Stichprobe von 217 Mitgliedern der Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie und des Ärztlichen Weiterbildungskreises (ÄWK). Die 151 "Psychoanalytiker" waren zu 62,9% an der Akademie und zu 37,1% am ÄWK ausgebildet; die 66 "Psychotherapeuten waren zu 93,1% am ÄWK und zu 6,9% an der Akademie ausgebildet.
In beiden Gruppen waren deutlich mehr Frauen als Männer, aber es gab keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Signifikant (p = .01) häufiger waren die "Psychotherapeuten" unter 44 Jahre alt. "Psychoanalytiker unterschieden sich hoch signifikant (p = .000) von den "Psychotherapeuten" hinsichtlich der Lehranalyse (Sitzungsfrequenz: drei, vier und mehr Sitzungen pro Woche).
Die Items der therapeutischen Haltung wurden faktorenanalytisch zu insgesamt neun Faktoren gebündelt: Neutralität, Unterstützung, Selbstzweifel, Anpassung, Einsicht, Freundlichkeit und Irrationalität, Künstlertum, Pessimismus. Es zeigte sich, dass auf den Skalen: Einsicht, Neutralität und Irrationalität die "Psychoanalytiker" höhere Werte hatten, die Psychotherapeuten dagegen auf den Skalen: Anpassung, Freundlichkeit, Unterstützung und Selbstzweifel. Auf den Skalen: Künstlertum und Pessimismus scorten die "Psychoanalytiker" und die "Psychotherapeuten" gleich hoch.
Das Projekt wurde vom Research Advisory Board der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPA) finanziell unterstützt.


7. Münchner Bindungs- und Traumforschungsorientierte Psychoanalyse-Studie (MÜBITROPAS)

(Prof. Dr. Wolfgang Mertens)
in Zusammenarbeit mit der Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie e.V.

Die "Münchner Bindungs- und Traumforschungsorientierte Psychoanalyse-Studie" ist eine prospektive Studie bei ambulanten Psychoanalysepatienten, die vom Institut für Klinische Psychologie/Abteilung Psychoanalyse und psychodynamische Forschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München (Leitung: Prof. Dr. W. Mertens) in Kooperation mit der Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie E.V. München durchgeführt wird.

20 PsychoanalytikerInnen sind seit 2003 mit ihren analytischen Psychotherapien an diesem Projekt beteiligt, das seit 2002 von der Köhler-Stiftung im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft unterstützt wird.
Dipl.-Psych. Thomas Bihler war bis vor kurzem für die Erhebung der OPD, AAI und AAP sowie für die OPD/HUSS-Auswertung verantwortlich; seine Nachfolgerin ist ab 1. Oktober 2006 Frau Dr. phil. Dipl.-Psych. Susanne Hörz, die über die STIPO ("Structured Interview of Personality Organization") in New York bei Kernberg/Clarkin und in München bei mir promoviert hat.

Bislang waren 26 Diplomanden mit der Auswertung beschäftigt, derzeit entstehen weitere 12 Diplomarbeiten und acht Promotionen (das Design der in Arbeit befindlichen Promotion von Katrin Dorber, Stipendiatin der Steger-Hain-Stiftung, kann heute anhand eines eigenen Posters studiert werden).

Die MÜBITROPAS untersucht eine Vielzahl von Fragestellungen. Ausgangspunkt war - angeregt durch Frau Dr. Lotte Köhler - die Untersuchung der klinischen Tauglichkeit des Adult Attachment Interviews und des Adult Attachment Projektivs, die in der Bindungsforschung als derzeitiger "Goldstandard" eingeschätzt werden. Anhand der diagnostischen Einschätzungen der behandelnden PsychoanalytikerInnen und der off-line erfolgenden Diagnostik mittels OPD, HUSS, ZBKT, SASB u.a. lassen sich die verschiedenen Maße mit den Bindungsrepräsentationen vergleichen.

Die MÜBITROPAS enthält aber auch eine quasi-experimentelle Anordnung: Sie untersucht zum einen die Auswirkungen einer Sensibilisierung für bindungsforschungsrelevante Fragestellungen bei PsychoanalytikerInnen. Zeigen Patienten im Verlauf einer analytischen Psychotherapie stärkere Veränderungen in verschiedenen bindungsrelevanten und psychodynamisch bedeutsamen Dimensionen, die mit Bindung, Trennung und Missbrauch zu tun haben, wenn ihre behandelnden Psychoanalytiker sich mit den einschlägigen Theorien und Methoden der Bindungsforschung vertraut gemacht und die spezifischen Ergebnisse ihres Patienten im Adult Attachment Interview (AAI) kennen gelernt und in einer Supervisionsgruppe (20 Sitzungen) diskutiert haben? Diese bindungsrelevanten Veränderungen werden mit Hilfe der Skalen des Adult Attachment Interviews (AAI), des Adult Attachment Projectivs (AAP) und der selbstreflexiven Kompetenz (SRF) eingeschätzt sowie anhand der Foki, die mit der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD) festgestellt und mit der darauf aufbauenden Heidelberger Umstruk-turierungsskala (HUSS) hinsichtlich ihrer Veränderungen in jedem Fokus geratet werden.

Zum anderen untersucht die Studie Träume als mögliche tiefenstrukturelle Indikatoren für therapeutische Veränderungsprozesse mit den in der HUSS festgestellten Veränderungen und einem eigens für Träume entwickelten und OPD-analogen Einschätzverfahren für das Strukturniveau im Traumbewusstsein.

Ein Großteil der Studie ist der Erforschung des Prozesses (über verschiedene Messzeitpunkte hinweg, inclusive einer Katemnese) gewidmet und vor allem der mikroprozessualen und interaktionellen Prozessforschung. Hierbei kommen Verfahren der Plananalyse, des Psychotherapie-Prozess-Q-Sort, der interaktionell erweiterten Zentralen Beziehungs-Konfliktanalyse u.a.m. zum Tragen (Promotionen von Dorber, Weiß, Holzleitner, u.a.).

Generell liegt der Schwerpunkt der Untersuchungen in dieser Studie auf intensiven Einzelfallstudien orientiert an Erhebungsinstrumenten der Bindungsforschung (AAI, AAP, SRF), der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD), der Heidelberger Umstrukturierungsskala (HUSS) (Promotion von Denschertz und Hümmeler), der tiefenhermeneutischen Auswertung von Erstgesprächen und weiterer Stunden aus dem Verlauf mit dem ZBKT, der Strukturalen Analyse Sozialen Verhaltens (SASB).

Die Vielzahl der eingesetzten qualitativen und quantitativen Methoden der modernen psychodynamischen Psychotherapieprozess-Forschung und Bindungs-Forschung sowie die on line und off line - Diagnostik ermöglichen eine methodologische Triangulation und eine konkurrierende Validierung, ohne hierbei aber apriori der einen oder anderen methodischen Perspektive einen Vorrang einzuräumen. Wie auch bei der derzeitigen Pluralität verschiedener psychoanalytischer Richtungen muss die Frage nach einer Priorität von Methoden zugunsten der Gleichberechtigung verschiedener methodischer Zugangswege zurückgestellt werden.


8. Nonverbale Interaktionen im Psychotherapeutischen Prozess mit aggressiven Kindern und Jugendlichen

(Dr. biol.hum. Eva-Maria Topel, MA)

Psychoanalyse / tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie für Kinder und Jugendliche

Acht Psychotherapieverläufe bei Kindern und Jugendlichen mit sozialen Verhaltensstörungen (DSM-IV 1996, 312.8 / ICD-10, F91.8) wurden über einen Zeitraum von 2 Jahren auf graduelle Formen der Zu- und Abwendung in der simultanen Koregulierung mit der Therapeutin mikroanalytisch (frame-by-frame) im split screen Verfahren untersucht.
Dabei wurden folgende Hypothesen geprüft:

  1. Verbal nicht zu erreichende Kinder und Jugendliche mit der Diagnose "Störungen des Sozialverhaltens" (DSM-IV 1996, 314.9 / ICD-10, F91.8) verwenden zu Beginn ihrer Psychotherapie zur affektiven Selbstregulation Selbstregulierungszeichen (SRZ) inflexibel.
  2. Nonverbale Interaktionen ermöglichen Kontaktaufnahme und daran anschließend die Durchführung einer Psychotherapie.
  3. Im Verlauf der Psychotherapie wird die Verwendung der SRZ flexibel und das Sozialverhalten der Patienten verändert sich positiv.

Es konnte gezeigt werden, dass nonverbale Interventionen einen empathischen, therapeutischen Zugang auf der Basis der grundlegenden "Choreographie" (Stern 1979) zu den Patienten eröffnen. Die therapeutische Koregulierung wirkte sich insbesondere auf die Veränderung affektiver Muster in der wechselseitigen Interaktion und damit auf wichtige interaktive prozedurale Abläufe aus (Abb.1 und Abb.2). Die jeweiligen nonverbale Interventionen und Deutungen wurden im Prozess fortlaufend mit einem speziellen Kodierungsbogen auf ihre Wirkung hin dargestellt.

Zur Konzeptionalisierung dieser nonverbal- protokonversativen Interaktionen wurden vor allem folgende Erkenntnisse herangezogen:

Säuglingsforschung (Beebe B, Lachmann FM: Infant Research and Adult Treatment. The Analytic Press, Hillsdale NJ., 2002), der Neurowissenschaften
Interaktionsforschung (Jaffe J, Beebe B, Feldstein S, Crown CL, Jasnow MD: Rhythms Of Dialogue In Infancy: Coordinated Timing In Development. Blackwell Boston, 2001)
Sozialpsychologie (Braten S: Infant learning by altercentric participation: the reverse of egocentric observation in autism. In: Braten S (Hrsg) Intersubjective Communication and Emotion in Early Ontogeny, Cambridge University Press, S. 105-124,1998)
Ergebnisse zu intuitiven elterlichen Kompetenzen (Papousek M: Regulationsstörungen der frühen Kindheit: Entstehungsbedingungen im Kontext der Eltern-Kind-Beziehungen. In: Oerter R, von Hagen C, Röper G, Noam G (Hrsg) Klinische Entwicklungspsychologie, Psychologie Verlags Union Weinheim, S. 148-169, 1999).

Der psychoanalytische Ansatz beruht insgesamt auf der Selbstpsychologie Heinz Kohuts (How Does Analysis Cure? The University Of Chicago Press,1984).

Der Ansatz kann durch Verwendung der speziell entworfenen Skala und des Kodierungsbogens in der Super- und Intervision, sowie im Qualitätsmanagement zur Prozesskontrolle eingesetzt werden. In diesem Verfahren erwirbt der Therapeut/-in spezifische Kenntnisse über eigene nonverbale Aktionen und Reaktionen, die als Gegenübertragungselemente in den psychotherapeutischen Prozess eingehen. Die Verlaufskontrolle liefert wertvolle Informationen über außerbewusste Bedürfnisse der Patienten und stellt den Verlauf der therapeutischen Beziehung dar.

Der Analysand träumt von seinem Analytiker
Eine empirische Studie über Träume, Übertragungsträume und Sitzungsträume als Folge von Störungen des psychoanalytischen Rahmens durchgeführt von Franz Zimmermann, Jürgen Vogel-Kircher, Irmela Tolk, Agnes Schneider-Lehmann, Dierk Poppert, Gaby Gardner †

Fragestellung und Methodik:
Gegenstand unserer Untersuchung ist die Frage, ob Störungen und Irritationen, die die zeitlichen Determinanten des Rahmens betreffen, nicht nur die Anzahl, sondern auch die Art der produzierten Träume beeinflussen. Um diese Frage zu beantworten, definierten wir als Rahmenirritation ein gut objektivierbares, von der jeweiligen Gegenübertragung relativ unabhängiges Ereignis, nämlich Unterbrechungen des analytischen Prozesses z.B. durch Urlaube, Stundenverlegungen oder Stundenabsagen durch den Analytiker oder Analysanden. Den Zeitraum, in dem als Folge von Rahmenirritationen (R) Träume produziert wurden, bezeichneten wir als Rahmenirritationsphase (RI), wobei bei 3-stündigen Analysen alle Träume gezählt wurden, die in den 3 Stunden vor und nach einer Irritation berichtet wurden, bei 2-stündigen Analysen entsprechend. Die Anzahl der in den RI produzierten Träume setzten wir dann in eine statistisch auswertbare Beziehung zur Anzahl der in Nichtrahmenirritationsphasen (NRI) geträumten Träume. Um aber nicht nur die Anzahl, sondern auch die Art der in den jeweiligen Phasen produzierten Träume zu ermitteln, wurde diese unterschieden in Träume, Übertragungsträume (ÜT), in denen der Analytiker unverstellt auftritt und Sitzungsträume (ST), in denen die analytische Situation geträumt wird.

Hypothesen:
Im einzelnen konnten damit folgende Hypothesen gebildet und statistisch geprüft werden:

In RI-Phasen treten mehr T, ÜT, ST auf als in NRI-Phasen.

  1. 2. In 3-stündigen Analysen treten gegenüber 2-stündigen Analysen in RI-Phasen mehr T,ÜT,ST auf als in NRI-Phasen.
  2. Aufgrund der fehlenden Angaben in der Literatur gingen wir davon aus, dass die Traumproduktion geschlechtsunabhängig ist, woraus sich folgende zusätzliche Hypothesen ergaben:
  3. 3. Analysandinnen träumen in RI-Phasen nicht mehr T, ÜT, ST als Analysanden
  4. 4. Analysandinnen träumen in NRI-Phasen nicht mehr T, ÜT, ST als Analysanden

Untersuchungsmaterial:
30 abgeschlossene, handschriftlich dokumentierte Analysen zwischen 240 und 300 Sitzungen mit einer Frequenz von 2 (17 Fälle) und 3 Wochenstunden (13 Fälle). Die Auswahl der behandelten Analysanden (24 w, 6 m) erfolgte zufällig.

Ergebnisse:
Insgesamt wurden 1910 Träume geträumt, davon 143 ÜT und 113 ST.

Zu den Hypothesen:

Ad 1: In RI-Phasen wurden 3,1-mal so viele ST/Therapiestunde geträumt als in NRI-Phasen (= hochsignifikant, p = 0,0013). Jedoch kein signifikanter Unterschied bei T und ÜT.

Ad 2: Kein signifikanter Unterschied bei Auswertung der Daten aller Analysanden. Jedoch ergab sich für die ST in der einzelfallbezogen statistischen Analyse ein hochsignifikanter Unterschied (p = 0,0057) zugunsten der 3-stündigen Gruppe mit signifikant mehr ST gegenüber der 2-stündigen Gruppe mit signifikant mehr ST.

Ad 3: Frauen träumten 2 bis 3-mal so viele ST in RI-Phasen als Männer (= schwach signifikant, p = 0,0528). Kein signifikanter Unterschied bei T und ÜT.

Ad 4: Die Ergebnisse für ST konnten nicht berechnet werden, da die Männer in NRI-Phasen keine ST hatten. Jedoch träumten die Frauen in RI-Phasen 3,6-mal so viele ÜT als Männer (= fast signifikant).

Bedeutsamstes Ergebnis ist 1., dass ST hochsignifikant als Folge von R auftreten, nicht jedoch T und ÜT und 2., dass dieses Auftreten relativ unabhängig ist z.B. von Gegenübertragungsschwierigkeiten. Eine umfassende Interpretation unserer Ergebnisse sowie entsprechende Fallvignetten finden sich im "Forum der Psychoanalyse" (22: 2006, S. 44-58).

Die statistische Aufbereitung der Daten und die Prüfung der Hypothesen erfolgte durch das "Statistische Beratungslabor der LMU" unter der Leitung von Prof. Helmut Küchenhoff.

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    Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie München e.V.